Neue Zeit (Graz/Austria)/2.Dez.1999


Schweres Geschütz bei minorJazz

Wie Heavy Metal und feingliedriges Improvisieren unter einen Hut zu bringen sind, bewies Steamboat Switzerland im Grazer WIST

Der Bandname klingt verdächtig nach der Initiative eines ländlichen Tourismusbüros. Oder nach einer unseligen Humtata-Dixieland-Partie. In Wahrheit aber haben wir es bei "Steamboat Switzerland" mit schwerem Gerät zu tun. Um ein Dampfschiff, in dessen "Maschinenraum es ganz gewaltig und hinterhältig kracht und zirpt", wie Fredi Bosshard in der Zürcher WoZ bemerkt.
Auf Einladung von "minorJazz at Wist" schoss das Steamboat nun raketengleich durch Graz. An Bord befinden sich a) die elektronisch un mit Synthsizer versetzte Hammondorgel von Dominik Blum, der sich in der Vergangenheit einen Namen als Dirigent und Konzertpianist zeitgenössischer Musik machen konnte, b) der wummernde, treibende Bass von Marino Pliakas, einem klassisch ausgebildeten Gitarristen - und c) das Monsterschlagzeug von Lucas Niggli, der ansonsten in der improvisierten Musik herumtut und dort zuletzt ein wunderschönes Album ("Lavin", Intakt Records) mit der Pianistin Sylvie Courvoisier einspielte.
Wuchtige, mit diversen Metal-Partikeln versehene Volle-Kraft-Voraus-Stücke kommen auf diesem Dampfer ebenso zum Einsatz wie feingliedrige Improvisationen im Geist der elektroakustischen Musik der Nachkriegsavantgarde und flirrendes Instant-Composing.
Ins Zentrum des einstündigen Konzerts stellen die Schweizer Macher eine Auftragskomposition des jungen Briten Sam Hayden, deren Modulbauweise laut Lucas Niggli immer wieder ungeahnte Ueberraschungen erlaubt, nie aber ein Zurücklehnen in Routine.
Da die gegenwärtige Europa-Tournee (ausser in Graz, absolviert das Trio Oesterreich-Auftritte in Wien, Ulrichsberg und Nickelsdorf) mitgeschnitten wird, kann das Resultat bald auf Tonträger überprüft werden. Bis es so weit ist, lässt sich immer noch mit ihrer letzten Live-CD (auf UNIT Records) Vorlieb nehmen. Spätestens jetzt muss allen Interessenten klar sein, warum Felix Klopotek im SPEX zur Ansicht kommt, Steamboat Switzerland klängen, "als hätte man Deep Purple in der Sauna auf Kampfgewicht geschrumpft".
Andreas Fellinger
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