SPEX 02/99


STEAMBOAT SWITZERLAND
"Live" (Unit 4104, 1998)

Die Avantgarde... "zu der es sonst im Metal durchaus unterirdische Verbindungen gab" (SPEX 12/98). Wieso gab? Weil doch unheimlich viel auf einmal passiert, mit Betonung auf "unheimlich", und das eine nie richtig weg und das andere nie richtig hip war, sollte man es sich doch abgewšhnt haben, die Vergangenheitsform zu wählen, wo doch gerade Steamboat Switzerland Präsenz für sich beansprucht. Eine Präsenz, die 1:1 verstanden werden will und bei näherem Hinsehen alles oder doch mindestens das meiste komprimiert, katalysiert, beschleunigt! Die Wucht, die Arroganz, die Hochkultur, das Metaldestillat. Etwas, was nur funktioniert und jede akademische Distanziertheit zur (Un-)kenntlichkeit zusammenstaucht, wenn man mit den Zitaten wie mit gelebter Geschichte (hüstel!) umgeht: Es gibt nichts Besseres, denn das ist das Leben. Seit Alboth! wissen wir, dass es eine kleine, feine Tradition Schweizer Grummelmusik gibt. Steamboat Switzerland setzen diese nahtlos und das heisst: würdevoll fort. Ihr Produzent Stephan Wittwer, vielleicht der letzte lebende Metalgitarrist, ist schliesslich eng mit Alboth-Drummer Werthmüller assoziiert. Es geht bei Steamboat Switzerland um das, was Grind einmal bedeutete, ums Schleifen, Wetzen, Zerkleinern und Zermalmen. Streng abgezirkelte Passagen (sie interpretieren u.a. ein Stück der Komponistin und Henry-Cowell Schülerin Ruth Crawford) explodieren in dichteste Blastbeats. Aber man weiss auch um die andere Seite, das Implodierte, das Schwarzlöchrige, wo die Musiker um die Klangreste schleichen. Und erst die Komprimierung, Resultat einer exzellenten Produktion und einer instrumentellen Reduktion auf Hammondorgel (!), Bass und Schlagzeug, macht das erträglich. Als hätte man Deep Purple in der Sauna auf Kampfgewicht geschrumpft. Das Paradoxe ist, dass die Komprimierung das erträglich macht, was sie unablässig selbst erzeugt, nämlich den Druck (Bass + Schlagzeug), der die Hammondorgel schmerzgrimmig wimmern lŠsst. Einem klassischen Progrockepos ähnlich ist diese Platte suitenhaft angelegt. Anlass zur Entwarnung besteht keinesfaIls - und die Geschichte, die die Form der Suite impliziert, möchte man auch nicht erleben. Bzw. Natürlich! Klar! Her damit!
Felix Klopotek
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