ZUERCHER TAGES-ANZEIGER, 23.5.02


Schweizer Spielfreude in der Zeltstadt

Zum 31. Mal zelebrierte das MoersFestival im Ruhr-gebiet über Pfingsten vier Tage und Nächte den alten Traum von Love, Peace und mitreissender Musik. Diese kam vor allem aus der Schweiz.

Gleich mit fünf Auftritten - mehr als jedes andere Land - war die Schweiz am diesjährigen MoersFestival im grossen Hauptzelt im Schlosspark vertreten: Mit den beiden Trios Zoom und Steamboat Switzerland, mit zwei verschiedenen Programmen des Schweizer Komponisten und Bigband-Leaders Mathias Rüegg und seinem Vienna Art Orchestra und schliesslich mit dem um zwei DJs verstŠrkten Trio Roots And Wires. In drei morgendlichen Workshops zeigten die Musiker von Zoom und Steamboat überdies zusammen mit weiteren Schweizern, darunter dem Zürcher Gitarristen Stephan Wittwer und dem welschen Schlagzeuger Marcel Papaux, ein ungewohntes Spektrum an komponierter und improvisierter zeitgenössischer Musik. Und schliesslich war mit dem Saxofonisten Urs Leimgruber gleich noch ein Schweizer in einem weiteren Workshop um den deutschen Cellisten Günter Christmann zu hören.

Grossartiges Vienna Art Orchestra

Schweiz total also. Es war vor allem das Vienna Art Orchestra (VAO), das mit seinem Programm "art & fun.25" das weit gehend jugendliche Publikum am Sonntagabend buchstäblich von den Sitzen riss - mit so viel Energie, Feuer und Spielfreude wie kaum je zuvor. Rüegg gelingt es wie keinem anderen Bigband-Komponisten, die schwierigsten, höchst komplex ineinander verzahnten Bigband-Sätze so plausibel und unmittelbar einleuchtend zu schreiben, dass alles völlig selbstverstŠndlich wirkt. Er mag den Grenzgang zwischen Bigband-Swing und einem harten Funk, und vor allem mag er es kraftvoll, mit voll aufgedrehten Tutti-Passagen und mächtigen Begleitriffs, die die Solisten zum äussersten Einsatz treiben. Und es sind auch diese Solisten, ein Haufen höchst virtuoser und kreativer Musiker, welche der rüeggschen Musik den mitreissenden Drive geben: von den Trompetern Matthieu Michel und Thomas Gansch über die Posaunisten Christian Muthspiel und Adrian Mears, den Saxofonisten Andy Scherrer, Klaus Dickbauer und Herwig Gradischnig bis hin zum Bassisten Georg Breinschmid und dem Schlagzeuger Jojo Meyer. Dass das VAO am Montagnachmittag mit seinem zweiten Programm "A Centenary Journey" nach diesem Parforceritt nicht mehr ganz so druckvoll loszog, konnte man verstehen.

Grossartig spielten in Moers aber auch die beiden Trios um den Zürcher Schlagzeuger Lucas Niggli auf. Steamboat Switzerland mit Dominic Blum (Hammondorgel, Elektronik) und Marino Pliakas (Bass, Elektronik) spielt zum Teil bis ins Letzte ausgeschriebene Kompositionen unter anderem des englischen Komponisten Sam Hayden, mit langen, rhythmisch unglaublich schwierigen Schlagfolgen und finsteren, zuweilen etwas gar pathetischen Geräuschklängen. Aber präsentiert mit dem Impetus, der ungestümen Wucht einer Heavymetal-Band. Zeitgenössische Musik als Rock. Dagegen wirkt alles, was sich derzeit in der Schweizer Rockszene tummelt wie homöopathisches Brausepulver. Und Niggli ist phänomenal, er spielt den beinharten Rockrhythmus und zertrommelt zugleich den machohaften Gestus mit verspielter Rabulistik. Der Schüler von Pierre Favre hat sich definitiv aus dem Schatten seines Meisters herausgelöst.

Der feinsinnige Dialog von Zoom

Völlig anders Nigglis andere Gruppe Zoom, hier geht es um den feinsinnigen Dialog, hier wird, wenn auch weit freier als im konventionellen Jazz, jazzmässig improvisiert. Das neue Programm klingt bei weitem organischer und entspannter als das zuweilen etwas angestrengte erste. Der Posaunist Nils Wogram - längst ein Techniker, der alle Möglichkeiten seines Instruments locker beherrscht - entwickelt sich in diesem Trio zu einem der überragenden Posaunisten Europas. Und ohnehin ist es ein Vergnügen, den skurril verdrehten Melodielinien von Phillip Schaufelbergers Gitarre zu folgen, mit denen er die gängigen Jazz- und Rock-Licks auseinander nimmt, in schartige, widerborstige Fragmente verwandelt und neu zusammensetzt. Schwerer tat sich das Publikum mit Roots And Wires um die beiden Bieler Hans Koch und Martin Schütz. Das Quintett mit dem Schlagzeuger Fredi Studer und den DJs M. Singe und I-Sound spielt eine radikale Hardcore-Geräusch-Musik, die auch wohl gesinnten Geistern kaum einen Zugang erlaubt. Nichts, woran man sich halten oder orientieren kšnnte, fremd und hermetisch wirken die Klänge, Stimm- und Geräuschfetzen, die da aufeinander prallen.

Einen der glänzendsten Auftritt gab in Moers einmal mehr der französische Klarinettist und Saxofonist Louis Sclavis. Er liess sich in seiner Suite "Napolis Wall" vom renommierten franzšsischen Aktionskünstler Ernest Pignon-Ernest inspirieren, der in verschiedenen StŠdten Mauern und Türen bemalt. Das Nebeneinander verschiedenster Baustile und -epochen, die Gleichzeitigkeit von Alt und Neu, von Renaissance und McDonald's, das Uebereinander von bestŠndigem GemŠuer und flüchtigen Graffiti hat er in eine wunderbar quirlige, lebendige Musik übersetzt. In seinen Kompositionen überlagern sich konventionelle Stilelemente unterschiedlichster Herkunft und ad hoc improvisierte Aktionsmusik, Jazzmelodik, klassische Kantilenen und flüchtige Technorhythmen, Romantizismen und brüske Interventionen. Es wimmelt von Anspielungen und Zitaten, Farben, Schattierungen und oszillierenden Stimmungen, von harten Brüchen und SkurrilitŠten. Und doch fügen sich die einzelnen Partikel dieses źberraschenden Pastiches zu einem runden Ganzen. Neben dem Supervirtuosen Sclavis und seinem Cellisten Vincent Courtois überraschte vor allem der junge Trompeter Médéric Collignon. Daneben gab es in Moers wie jedes Jahr auch Leichteres, Populäreres, viel afrikanische und puertoricanische und serbische Folklore und Ethnomusik, eine witzige Hommage an Glenn Miller des französischen Oktetts Tous Dehors, eine monströse Show des über 30-köpfigen japanischen Orchesters Shibusa-Shirazu mit Butoh-TŠnzern, Showgirls und einer lärmigen Zirkusmusik. Doch vor allem lebt das Festival davon, dass rund 10 000 Jugendliche während vier Tagen in ihren Zelten den alten Traum von Love, Peace and Rock 'n' Roll zelebrieren, während die Aelteren die riesige Zeltstadt entlangpromenieren und sich vielleicht mit ein bisschen Wehmut an jene Zeit erinnern, als sie selbst mit einem dicken Joint und einer Gitarre in der Hand am Lagerfeuerchen sassen.

Bildlegende:
Der Drummer Lucas Niggli führte mit zwei Trios seine Emanzipation vor.
Christian Rentsch
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