Wochenzeitung Nr. 31/2.8.2001


Neues vom Trio Steamboat Switzerland

Unter Volldampf

Das Trio Steamboat Switzerland hat soeben zwei neue CDs veröffentlicht.
Kühne musikalische Entwürfe

"Schreib doch einfach, was du hörst. Wir haben keine Probleme mit subjektiven Eindrücken", sagt Marino Pliakas, Bassist und Elektroniker von Steamboat Switzerland, der wie Schlagzeuger Lucas Niggli in früheren Jahren zu einer von Stephan Wittwers "Sludge"-Formationen gehörte. das ästhetische Ereignis steht für die Gruppe im Mittelpunkt: Sie schaffen eines und lösen eines aus. Aber was genau in den Köpfen und Ohren der HöerInnen vor sich geht, können sie nicht bestimmen. Das "potenzial von Missverständnissen" (Pliakas) sei ohnehin beträchtlich und eigentlich unerheblich, denn instrumentale Musik eröffnet dem Publikum einen besonders grossen Interpretationsspielraum.
Dominik Blum (Hammond-Orgel, Piano, Elektronik), Lucas Niggli und Marino Pliakas, die Ende 1995 erstmals in dieser Formation probten und seit 1998 mit ihrer Musik durch Kanada und die USA, durch West- und Zentralllleuropa reisen, bezeichnen sich mit einer griffigen Formulierung als "Hammond-Avantcore-Trio". Einzig das letzte Glied davon ist von vornherein klar. "Avantcore" vereint den Anspruch des Ungehörten, ausserhalb der bekannten Formen Liegenden, mit "Hardcore". Dass die deutsche Musikzeitschrift "SPEX" bei "Live", der ersten Platte dieser Gruppe, die im Jahr 2000 das Werkjahr für Jazz der Stadt Zürich zugesprochen erhielt, an die Gruppe Alboth! dachte und die britische Zeitschrift "Wire" an die Norweger Supersilent, das Londoner Trio MASS und an Asahito Nanjos Musica Transonic, erstaunt nicht. "Hammond" verweist zwar auf die vom US-Amerikaner Laurens Hammond entwickelte Orgel, kann aber in die Irre führen, denn das Zürcher Trio setzt das Instrument nicht wie heute verbreitet als dezent geklimperte Quelle von Lounge-Sounds ein. Das Feld von Steamboat Switzerland ist nicht das der leichten Unterhaltung, sondern das der schweren Irritation: Blums Orgel macht Krach, manchmal; sie verwirrt, oft; sie überrrascht, nicht selten. Sie kann klingen wie Jon Lords schwere Keyboardteppiche, am Ende der vom Gitarristen Stephan Wittwer abgemischten Live-CD "Budapest" etwa. Sie kann röhren, schnaufen, schnauben und Tupfen, Texturen und Mikrostrukturen anbringen. Steamboat Switzerland klingen radikal, sie schaffen Musik, in der Gräusche aus Instrumenten und Effektgeräten die Stille abschleifen, zerhacken und zerstückeln. Sie "kokettieren nicht mit einem breiteren Publikum" (Pliakas). Hier stellt kein Klang eine Verlegenheitslösung dar, wirkt alles wohl erwogen, durchdacht und präzise eingesetzt: ein imposanter "wall of sound" wird aufgeschüttet, türmt sich und zersplittert wieder. Hardcore steckt drin und Drum'n'Bass, Jazz und Dub. Zwar bleibt der Klang immer transparent, die Strukturen hingegen werden auch nach wiederholtem intensiven Hören nicht fadenscheinig, der Aufbau überrascht, bleibt unvorhersehbar. Nigglis Cymbal-Sound, ein auf- und abschwellendes Elektronik- und Gitarrenfeedback - in "Budapest B" -, das in einer verhalten sirenenartigen Kurve ausläuft, um wiederum überlagert zu werden von swingenden Schlagzeugminiaturen, die ein warmer Hammondteppich überfährt, unterbrochen von synkopiertem Drum-Knall, ein zuerst repetitiver Basslauf, der sich immer mehr verkompliziert... das ein gibt das andereauf der gänzlich improvisierten "Budapest"-Platte, ein Sound wächst aus dem anderen heraus. Die Musik von Steamboat Switzerland kombiniert normalerweise freie Improvisation und vorbereitete Elemente. Solche zu verwenden, verbieten sie sich nicht. Pliakas spricht denn auch von "unserem bewährten Konzept multiidiomatischer Module in Interaktion mit improvisierten Texturen". Sie seien keine Improvisationsdogmatiker.
Für die Konzerte legt sich das Trio laut Pliakas kein genaues Programm zurecht. Alle Möglichkeiten sollen offen bleiben: "Wir spielten schon reine Rocksets, weil es keinen Platz gab, um die Noten auszubreiten", und am Konzert in Budapest, das sie im Herbst 1999 aufzeichneten, entschlossen sie sich aufgrund der Akustik des Auftrittsortes erst während des Soundchecks zu einem frei improvisierten Konzert. Der Raumanteil des Konzerts sei auf der CD natürlich verloren gegangen, für die Leute sei es hallig, ambientmässig gewesen. Stephan Wittwer, der die Platte abmischte, hat gemäss Pliakas den Sound nicht verändert, sehr wohl jedoch die Tiefenschärfe: "Er hat etwa ein Beseli nach vorn geholt, Brachiales erhielt im Zusammenhang eine neue Bedeutung." "Noise" - Lärm - ist "Budapest" nicht, weil zu subtil und die Miniaturen zu filigran abgezirkelt; der von Brian Eno geprägte Begriff "Soundscapes", der eher Sphärisches, Schwebendes beschreibt, ist wegen der Brachialität mancher Passagen auf den Platten von Steamboat Switzerland nicht anwendbar. Noch etwas ungestümer als "Budapest" klingt "ac/dB[hayden]", ebenfalls live eingespielt, in Cottbus, in Oesterreich und in der Slowakei. Hier stossen zwei Kompositionen aufeinander: das sechteilige, rein improvisierte "ac" von Blum/Pliakas/Niggli und das ausnotierte siebengliedrige "dB" des englischen Komponisten Sam Hayden. Diese CD wurde aus verschiedenen Konzerten zusammengeschnitten, vom Betonboden in Ulrichsberg wechselt es zum Beispiel mitten im Stück auf dei schwimmende Bretterbühne in Wien: ausgeklüglet bis ins letzte, unhörbare Detail. Die sich auf der Platte berührenden "ac"- und die "dB"-Teile stammen gemäss Pliakas jeweils von Sequenzen, die im Konzertverlauf benachbart waren.
Mit den beiden neuen Platten von Steamboat Switzerland fegt ein Sturm heran, der keine Trümmer zurücklässt, sondern offene Ohren. Angesichts ihrer Kühnheit fällteinem zwangsläufig ein anderes Trio ein, das sich in manchem durchaus mit ihnen vergleichen lässt: Koch-Schütz-Studer. Bei diesen wie bei jenen Meistern der formalen Freiheit steckt buchstäblich alles drin. Toll.
Raphael Zehnder

GROB Records, Köln, ...

... ist das 1999 gegründete Noiselabel des Journalisten ("SPEX") und Konzertveranstalters Felix Klopotek, des Gitarristen Joseph Suchy und von Simon Görtz, ein Laber, "das über den Küchentisch funktioniert" (Pliakas). GROB hat bisher u.a. Platten von Eugene Chadbourne, MIMEO, Wittwer/Werther und Voice Crack veröffentlicht. Das Label bringt seine Platten in Klein(st)auflagen von weniger als 1000 Stück heraus, anfänglich wurden die Hvllen - gefalteter bedruckter Karton in einem Plastikbeutel - sogar eigenhändig angefertigt. GROB zitiert auf der Homepage an unübersehbarer Stelle Bertolt Brecht: "ich gestehe,/ ich habe keine hoffnung./ die blinden reden von einem ausweg,/ ich sehe./ wenn die irrtümer verbraucht sind,/ sitzt als letzter gesellschafter / uns das nichts gegenüber."
Weiteres unter www.churchofgrob
(rz.)
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