Bund 16. September 2002


Bis hin zur totalen Irritation
TAKTLOS BERN

DemRuf als Festival der starken Kontraste ist es einmal mehr gerecht geworden: Das Taktlos Bern 02 hat sich in seiner 22.Ausgabe auf konzertante Formen konzentriert - um sie allerdings mit höchst kontroversen Inhalten zu füllen.

Festivals wie dieses sind prädestiniert, als Barometer des Zeitgeists verstanden zu werden. Das Stelldichein der Avantgarde stellt Fragen nach dem Zustand der Musik. Zwar war es auch vor 22 Jahren, als das Taktlos zum ersten Mal stattfand, nicht leicht, Antworten darauf zu finden. Aber wenigstens durfte man in den Achtzigerjahren die Erkenntnis gewinnen, dass mit der Postmoderne alles möglich geworden ist. Dementsprechend begierig war man zu erfahren, was mit was und wem noch alles kombiniert werden könnte. Heute ist alles ein bisschen weniger aufregend. Wo hockt der Zeitgeist, und wer will ihn noch zu Gesicht bekommen? Dass das Taktlos Bern, zwei Jahre nachdem das Festival sich auf elektronische, multimedial inszenierte Musik konzentriert hat, sich nun wieder auf die klassisch konzertante Situation besinnt, erscheint nicht einmal mehr erklärungsbedürftig. Wir schätzen den lokalen Kontext eines Festivals, das dank einem gut gealtertenBeziehungsnetz fast im Blindflug zum Programm kommt.Und wir sind froh, dass niemand mehr wissen will: Warum? Die Musik also imZentrum. Im Kesselhaus der Dampfzentrale hing ein Flügel. "TheTurn Of The Century Music in Flight", so der Titel der Klanginstallation von Alvin Curran (siehe "Bund" vom Freitag, 13. September), montiert die Ikone der klassischen Musikgeschichte in einem schrägen Winkel drei Meter über dem Boden und lässt sie von einer Software mit Zitaten der Pianogeschichte bespielen. Na ja. Man kann sich das gut vorstellen. Man konnte auch hingehen und hat trotzdem nicht viel mehr erlebt.

Globale Suite

Alvin Curran, der amerikanische Komponist mit Wohnsitz Rom, gastierte mit Filharmonia, einer illuster besetzten Gruppe zwischen Komposition und Improvisation: FredFrith (git), Joan Jeanrenaud (cello), Shelley Hirsch (voc), William Winant (perc) und Curran (keys) setzten mit der rund einstündigen Suite zum globalen Rundumschlag an, der tiefsinnigen Erkenntnis folgend, wonach Leben Musik und Sound überall ist. Ja doch, und so machen die Musik:Improvisieren, zuerst klangmalerisch, dann hektisch, wechseln flugs in komponierte Strukturen, lassen die Genres nahtlos ineinander gleiten, stellen einen weltberühmten Song ("My funny Valentine") insZentrum und lassen zum Abschluss viel Electronica klingen. Alles darf sein, scheint das Orchester ohneUnterbruch zu rufen, und wir könnens!

"MetalRendez-vous"

Alvin Currans Filharmonia trat zweimal auf und wurde zweimal von starken Kontrasten heimgesucht. AmFreitag erschütterten die Basler Alex Buess (electronics, reeds, mix), DanielBuess (percussion) und DJ e-trak-t denTurbinensaal. Cortex, so der Name der Band, schickte das Publikum auf eine ohrenbetäubende Reise durch die Klänge natürlicher und industrieller Urgewalten: Gewitterdonner, Düsenjets, Vulkaneruptionen, Schiffsmotoren, Sirenen und Signale, Eisenpresswerke, Lawinenniedergänge, Elektrolysen sind nur einige der Assoziationen, die sich beimZuhören einstellten.Cortex lud zum ăMetal Rendez-vous╚ mit dem Lärm des und demLärm um den Menschen. Ein präzise angelegter, kompromisslos umgesetzter Soundtrack zu Filmaufnahmen, die zwar als Ausgangspunkt desStücks gedient hatten, aber nicht gezeigt wurden und sich deshalb im Kopf der Besucher abspielten.

Am Samstag war es an Michael Werthmüller, dem Berner Komponisten mit Wahlheimat Berlin, demTaktlos im wahrsten und unwahrsten Sinne gerecht zu werden. Für das Trio Steamboat Switzerland (Lukas Niggli, perc; MarinoPliakas, b; Dominik Blum, hammond), verstärkt durch den amerikanischen Sänger Eugene Robinson, hat Werthmüller 13 hochkomplexe Stücke geschrieben, die den Sprung von strengstens komponierter 12-Ton-Musik zur puren Physis einer Hardcore-Band machen. Während Nigglis, Pliakas' und Blums an sich schon beträchtliche Virtuosität und Musikalität von den fast unspielbaren Partituren herausgefordert wurde, setzte der schwarze Robinson mit seiner unberechenbaren, von Männlichkeit nur so strotzenden und gleichzeitig zerbrechlichen Performance einen heftigen Kontrapunkt, der den Auftritt zu einem Moment grosser Kraft und Irritation werden liess.
Christian Pauli
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