Dresdener Neuste Nachrichten (Germany)/6. Nov. 2001


Atemberaubende Interaktion der Musik-Stile

Neue Tonne präsentierte Steamboat Switzerland im Schillergarten

Eine Musik jenseits der Kategorisierbarkeit: Schon der Name der Band, Steamboat Switzerland, weist eher auf Dixieland als auf avancierte Improvisationsmusik hin, und das Trio selbst tritt auf Rock- und Jazzfestivals ebenso auf wie auf Festivals zeitgenössischer Musik. Auch zum Tonne-Konzert im Dresdner Schillergarten am vergangenen Sonnabend waren alle drei Dimensionen der Musik vertreten. Wuchtige Rockrhythmen zu bohrenden, dräuenden Hammond-Orgel-Kaskaden, raffinierte Tempo- und Rhythmuswechsel, ineinander verschachtelte rhythmisch-melodische Teilstrukturen, sich entwickelnde Soundflächen, harmonische Kontraste und Erweiterungen. Die drei Musiker griffen dabei auf das Material der CD "ac/dB [Hayden]" sowie auf einige Mini-Kompositionen Stefan Wittwers zurück.
Dreh- und Angelpunkt der Musik war Drummer Lucas Niggli, ein Erzmusikant, der sich offenbar problemlos in nahezu jedes musikalische Idiom hineinfühlen und -trommlen kann: als "Rocker" reif er Erinnerungen an Terry Bozzio wach, als "neuer Jazzer" verfügte er über die Fähigkeit Joey Barons, komplexe multirhythmische Gebilde und rasante Tempowechsel zu meistern, und als "Zeitgenössischer" schlug er manch skurriles, im Sound exquisites Perkussionsmuster. Niggli war einfach faszinierend und bestätigte seinen Wahlspruch: "Es muss tropfen!", womit er meint, dass Musik, speziell Jazz, dann gut ist, wenn sie/er mit Power und höchstmöglicher Sensibilität gespielt wird. Um Niggli herum gruppierten sich Dominik Blum mit seiner Hammond und diversen weiteren Elektronik-Instrumenten sowie der "Heavy"-Bassist Marino Pliakas. Beide machten die Sache rund, im Sound ungeheuer spannungsvoll und wuchtig, gleichermassen aber auch klanglich abenteuerlich. Auch diesen beiden war es zu danken, dass die Musik immer wieder aufs Neue überraschend durch schier alle nur denkbaren Spiel- und Motivsituationen galoppierte und sich multistilistisch ständig wandelte und ausweitete - von fulminanten, drei Sekunden währenden Deep-Purple-Hammond-Rocksounds bis zu irrlichternden, filigranen minimal-music-Passagen, von Noise-Orgien bis Rockbass-Sounds war alles drin. Atemberaubende musikalische Interaktionen zwischen verschiedenen Ausdruckssphären waren bei diesem voll unter Dampf stehenden Trio aus der Schweiz Standard. Und der Abend hatte für mich das Zeug zum Konzerterlebnis des Jahres zu avancieren!
Mathias Bäumel
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