Dresdener Neuste Nachrichten (Germany)/10. Oct.2001


Steamboat Switzerland

Freie, rockige Improvisationsmusik aus der Schweiz

Hatte das Schweizer Trio Steamboat Switzerland bereits vor einiger Zeit mit ihrer "Live"-CD (Unit Records) und ihren intelligenten, ungestümen Soundimprovisationen zwischen Freejazz und Heavy Rock aufhorchen lassen, bleibt einem nun angesichts der Parallel-Veröffentlichung von "Budapest" und "ac/dB [Hayden]" (beide GROB) fast der Atem weg. Keyboarder und Hammond-Organist Dominik Blum, Bassgitarrist Marino Pliakas und Schlagzeuger Lucas Niggli entwickelten ihr Konzept einer an allen kategorisierenden Schubladen vorbeischlitternden, auf Klangflächen orientierten, rockigen Improvisationsmusik weiter. "ac/dB [Hayden]" ist eine Ineinanderschachtelung von freien Passagen ("ac") und einem Werk ("dB"), das der englische Komponist Sam Hayden extra für die drei geschrieben hatte. "Budapest" ist der Mitschnitt einer freien Improvisation, die die Schweizer 1999 in Ungarns Hauptstadt musiziert hatten. Mathias Bäumel stellte dem Steamboat-Switzerland-Bassisten Marino Pliakas einige Fragen.

Mathias Bäumel: Manche sagen zu Eurer Musik, sie klinge so, wie Deep Purple geklungen hätte, wenn die Rocker Freejazz gemacht hätten...
Marino Pliakas:Jedem seine Assoziationen! Ein anderer Rezensent (Concerto/Oesterreich) meinte, wir würden einen vagen Eindruck davon vermitteln, "was Soft Machine hätten leisten können, wenn diese ihre besten musikalischen Ideen bis heute konsequent weiterverfolgt hätten"...
Eure Improvisationen scheinen vor allem sehr soundorientiert, weniger aber im Sinne vom Erfinden melodischer Ketten zu sein. Welche Rolle spielt hier die Soundqualitdt einer Hammondorgel?
  Das "Erfinden melodischer Ketten" scheint mir als Improvisationsansatz zu eindimensional. Tatsächlich geht es uns viel mehr um das musikalisch Gestische in all seinen denkbaren Parametern: eine Gestik, die aus dem möglichen Zersplittern ebenso wie dem ambienthaften Zusammenfliessen von Sound-Material schöpft, stochastisch heterogene Abläufe neben, über, unter kollektiv-homogenen "walls of sound", vor denen nicht mehr genau ortbar ist, welches Instrument nun welches Klangelement generiert. Die Hammondorgel bietet - ebenso wie Schlagzeug und mit erweiterten Spiel- und Präparationstechniken bearbeitete Bassgitarre! - enorme Möglichkeiten, sich an abstrakten Klanggebilden zu beteiligen und den konventionellen ELP- oder Loungesound vergessen zu machen. Tatsächlich wird die Orgel in den überwiegenden Partien unserer Liveauftritte und Tonträger nur ausnahmsweise nach ELP und Deep Purple tönen, in vielen Momenten wirkt sie als omnipotenter, bruitistischer Klängeerzeuger. Dort, wo sie ihren cleanen, allbekannten Lesliesound von sich gibt, bewegt sie sich quasi sich und ihre Stilgeschichte selbst zitierend im Rahmen unseres Konzeptes multiidiomatischer Module in Interaktion mit improvisierten Texturen. Wir spielen meistens ohne Setlist. Jedes Konzert wird anders. Vorgegebene stilistische Fragmente, Miniaturen, ganze Kompositionsaggregate werden improvisatorisch im formalen Fluss ebenso integriert wie jegliche abstrakten, freien musikalischen Gesten oder ambienthaft-tranceigen Abläufe.
Last but not least sind wir im Trio auch schon als Interpreten (zT. mit improvisatorischen "Sondervollmachten") für spezielle Aufgaben zur Uraufführung neuer Kompositionen eingeladen worden (u.a. David Dramm/USA). Die Verbindung von Improvisation und gesetzten, komplexen Strukturen beschäftigt auch immer häufiger die Komponistengilde: Momentan arbeiten (nach dem Engländer Sam Hayden) der Holländer Jan-Bas Bollen sowie der Berliner Michael Wertmüller an Auftragskompositionen speziell für die Möglichkeiten unseres Trios.
Wie versucht Ihr, den "Verlockungen" einstmals im Rockbereich bewährter Hammond-Solo-Fast-Kitsch-Passagen (so beispielsweise auf Budapest, Titel 4) zu entgehen? Empfindet Ihr da den Einsatz der Hammond eher als Gefährdung, weil deren Sound gewissermassen bedeutungsmdssig schon mit "Heavy-Rock" belegt ist, oder eher als Innovationschance, da diese Art im Jazzbereich kaum bekannt ist?
  Dominik nutzt die Hammondorgel als Reminiszenzmaschine ebenso wie als hochdifferenzierten Klanggenerator, der mit seinen analogen Möglichkeiten (auch in der Vernetzung mit Tonbandgeräten, Verzerrern oder dem KORG MS20) in Sachen Lebendigkeit und Vielseitigkeit seines Sounds sowie dessen Uebersteuerungen und Feedbacks viele der heutigen Synthesizersysteme in den digitalen Schatten stellt. Es kann immerwieder auch um das Spiel mit der Nähe zu aber auch dem Bruch mit den Hammond-Klischees gehen. Die Art und Weise von Dominiks Orgelspiel ist eigentlich weder im traditionellen Rock noch im Jazz kompatibel. Er dekonstruiert die denkbaren Vorbilder aus beiden Bereichen.
Durch die flächenhaften, soundorientierten Improvisationen bieten sich wohl Live-Interaktionen mit Film und Theater an. Welches Verhältnis habt Ihr zu Filmmusik?
 Eine Vorstellung davon, wie andere diesbezüglich unsere Musik empfinden, könnten die Kommentare von Musikern und Journalisten geben, speziell zu unserer ersten CD "Live": Luc Houtkamp (Musiker, NL) bezeichnet diese Musik als "fucking geat musical porno". Ein anonymer Fan: "Das ist der Horror-Soundtrack!", um dann zu erläutern: "Ich höre die CD und tauche in ein unendliches Meer von Bildern." Tja... - wir selbst haben aber kein besonders herausgehobenes Verhältnis zu Filmmusik. Unsere Metaphorik speist sich aus dem Abstrakten, an Parametern wie Klang, Bewegung, Struktur, Textur, Farbe, Rhythmus, Serie, Puls, Loop etc.
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